Amtliches Regelwerk
1. Links vom Stamm einer Konstituente
2. Stammintern und rechts vom Stamm einer Konstituente
Systemexterne Kriterien
Musteranalysen
Die sog. Silbentrennung scheint ein relativ einfacher Bereich der Orthographie zu sein.
Kontrovers ist zunächst die Bezeichnung dieses Gebietes . Neben der Bezeichnung Silbentrennung (Nennung der Trennungssegmente) findet man die Bezeichnung Worttrennung am Zeilenende (Nennung des Anwendungsbereiches der Trennung). Wir bleiben hier bei der häufiger verwendeten Bezeichnung Silbentrennung, auch wenn sich zeigen wird, dass sie in einem zentralen Punkt missverständlich ist.
| § 107 | "Geschriebene Wörter trennt man am Zeilenende so, wie sie sich bei langsamem Sprechen in Silben zerlegen lassen." |
| § 108 | "Steht in einfachen Wörtern zwischen Vokalbuchstaben ein einzelner Konsonantenbuchstabe, so kommt er bei der Trennung auf die neue Zeile. Stehen mehrere Konsonantbuchstaben dazwischen, so kommt nur der letzte auf die neue Zeile." |
Mit diesen Regeln werden sicherlich die meisten Fälle gut erfasst. Im Detail entstehen jedoch zahlreiche Probleme, die einerseits damit zusammenhängen,
1a. Präfix + Stamm
be-klagen vs. *bek-lagen, ge-troffen vs. *get-roffenAllein aufgrund lautlicher Informationen kann zwischen den beiden Alternativen nicht entschieden werden; aufgrund des sog. "Einkonsonantenprinzips" müsste *bek-lagen und *get-roffen der Vorzug gegeben werden. Da dies nicht der Fall ist, kann gefolgert werden, dass hier eine übergeordnete morphologische Regel gilt.
1b. Präfix + Präfix
ver-unstalten vs. *ve-runstaltenMan könnte sich hier natürlich auch auf die phonologische Form beziehen und dort feststellen, dass das zweite Morphem dort mit einem Glottisverschluss beginnt und daher die Bedingung eines konsonantischen Anfangsrandes erfüllt.
1.c Stamm + Stamm
Hier entsteht im Deutschen - zumindest in der Explizitlautung (phonologische Wortform) immer auch eine Silbengrenze:
Hand-schuh, Ast-gabel, Lauf-treff, Kraft-rad, Haupt-teil, Schiffs-rumpfAn Lau f-treff wird auch deutlich, dass sich die silbische Segmentierung erst unter Heranziehung morphologischen Wissens ergibt, sie also nicht nach einer rein lautlichen Analyse erfolgt: Die Lautgruppe /ftr / wird in Kraft-r ad anders getrennt. An Haupt-teil wird deutlich, dass der Bezug die graphemische Wortform ist. In der phonologischen Wortform gibt es in der Mitte nur ein /t/, so dass kein phonologischer Hinweis auf die Silbengrenze vorliegt. An Schiffs-rumpf wird deutllich, dass das Furgenmorphem nicht von dem jeweils vorangehenden Stamm abgetrennt wird.
Prinzip der Erhaltung
des Anfangsrandes von Stämmen und Präfixen
Bei der Silbentrennung
bleiben Anfangsränder von Präfixen und Stämmen immer erhalten:
(technisch formuliert:
Die Anfangsränder von unmittelbaren Konsituenten eines Wortes bleiben
erhalten.)
Psycholinguistische Erklärung: Wörter werden in unserem rechtsläufigen Schriftsysten beim Lesen von links nach rechts verarbeitet. (Das betrifft nicht unbedingt die visuelle Wahrnehmung - etwa wenn ein Wort nur mit einer Fixation erfasst wird -, wohl aber seine kognitive Verarbeitung.) Aufgrund dieser Verarbeitungsrichtung ist generell die linke Seite von schriftsprachlichen Einheiten sensibler als die rechte. Insbesondere hier muss sichergestellt sein, dass die Konstituenten eines Wortes visuell unverletzt bleiben. Rechts vom Stamm werden solche Verletzungen der visuellen Einheitlichkeit von Morphemen zugunsten des silbischen Prinzips in Kauf genommen: Lei-tung.
- es dürfen keine Teile von vorangehenden Morphemen davorgesetzt werden: *ve-run stalten
- es dürfen keine Teile des fraglichen Morphems an das jeweils vorangehende gehängt werden: *Lauft-reff
2a. Stammintern
Hier können
morphemische Kriterien keine Rolle spielen, da es sich um einen submorphemischen
Bereich handelt. In dieser Gruppe mehrsilbiger Stämme findet man besonders
viele Fremdwörter.
Steu-er, Ana-nas, Pa-pa-gei, na-iv, Eu-ro-pa2b. Stamm + Suffix (Flexions- oder Derivationsmorphem)
he-ben, lau-fen, wie-gen, Lei-tungBei der stamminternen Trennung und der Trennung rechts vom Stamm tauchen zahlreiche Probleme auf, die damit zusammenhängen, dass eine eindeutige Silbensegmentierung vielfach nicht möglich ist. Zunächst zu den klaren Fällen:
XV-VX: Bau-er, na-ivIn den folgenden Fällen gilt die "Einkonsonantenregel ":
(vs. Sai-te. Hier ist ein Rekurs auf phonologisches Wissen erforderlich: Handelt es sich um einen Diphthong oder zwei Silbenkerne)
Für die "Einkonsonantenregel" gibt es eine einfache morphologische Erklärung: Die meisten konsonantisch anlautenden Suffixe beginnen mit nur einem Konsonanten (außer z.B. kühns-te ). Die "Einkonsonantenregel" unterstützt also zumindest meistens die morphemische Segmentierung da, wo sie einer silbischen nicht zuwiderläuft.
Bei der "Einkonsonantenregel" handelt es sich nicht um ein konsequent lautliches Prinzip. Das Wort <neblich> kann in zwei Weisen gesprochen und damit syllabiert werden:
Interpretiert man die "Einkonsonantenregel" lautlich, so würde sie zweite Lesart erzwingen, was durch nichts gerechtfertigt werden kann. Es handelt sich also eher um eine autonome Regel des Schriftsystems.
Silbentrennendes h: ge-hen, na-he, we-hen
Auch hier wird deutlich, dass es sich um ein graphemisches Prinzip handelt: Das silbentrennende h, das keine lautliche Entsprechung hat, wird behandelt, wie jeder andere Konsonantbuchstabe (analog zu XV-CVX).
Silbengelenke:kom-men, bel-len, schwir-ren, sin-gen, Kat-ze
Der Standardfall der Gelenkschreibung, also die Verdoppelung des Konsonantbuchstabens, kann auch der "Einkonsonantenregel" subsumiert werden (analog zu XVC-CVX).
Ausnahmen: la-chen, wa-schen, Ste-phan, we-cken
In bestimmten Fällen wird bei Silbengelenken von der "Einkonsonantenregel" abgewichen, offensichtlich dann, wenn es zu schweren Lesefehlern kommen könnte. Diese treten dann auf, wenn sich die Lautung des Di- oder Trigraphems nicht aus der Lautung der Teillaute ergeben (phonologisch "nicht kompositionell"). Die Abweichung, die sich bei sin-gen ergibt, wird offensichtlich als weniger schwer eingeschätzt. Diese Abweichungen gelten auch für verschiedene Fremdgraphien: <th, rh, ...>.
*Altbauer-haltung, *Sprecher-ziehung, *Seeu-fer, *Anal-phabet, *Urin-stinktEtymologische Kriterien
hin-auf / hi-nauf, dar-um / da-rum, ein-ander / ei-nander
Hekt-ar / Hek-tar, Heliko-pter / Helikop-ter, Päd-agogik / Päda-gogik
Terminologie:
| Abkürzung | ||
| (Halb-)Präfix | Prä | ver-laufen |
| Stamm | St | ver-lauf-en |
| Suffix | Suf | verlauf-en |
| Fugenmorphem | FM | Rat-s-herr |
| Einkonsonantenregel | EKR | Für alle Trennungssegmente
einer Stammkonstituente links vom ersten Segment des Stammes gilt: Ein
Trennungssegment beginnt mit genau einem Konsonantbuchstaben (Ausnahmen!).
(Unter einer Stammkonstituente wird ein Stamm mit seinen zugehörigen Präfixen und Suffixen verstanden. Beispiel: Versichersungsvertrag hat die Stammkonstituenten Versicherungs- und vertrag.) |
| Präfix-Stamm-Regel | PSR | Der linke Rand von Stämmen
und Präfixen bleibt bei der Trennung erhalten.
(Hieraus ergibt sich auch, dass für das erste Segment eines Wortes keine eigene Regelanwendung erforderlich ist. Seine Struktur ergibt sich aus den nachfolgenden Trennungsbedingung, also der Anwendung der PSR oder der EKR.) |
| Wort | Xxxxxxxxxxxxxx |
| Morphemfolge | Zerlege das Wort in seine Morphemfolge. |
| Morphemtyp | Kennzeichne die einzelnen Morpheme als Präfix, Stamm, Suffix oder Fugenmorphem. |
| Nukleusprobe | Wenn ein Morphem (Suffix oder Fugenmorphem) keinen vokalischen Kern enthält, verbinde es mit dem vorangehenden Morphem. |
| Segmente | Liste die endgültigen Trennungssegmente auf. |
| Regeltyp | Gib die dabei angewandte Regel an (EKR oder PSR) |
| Wort | Donau | |
| Morphemfolge | Donau | |
| Morphemtyp | Stamm | |
| Nukleusprobe |
|
|
| Segmente | Do | nau |
| Regeltyp | EKR |
| Wort | Beschränkung | ||
| Morphemfolge | Be | schränk | ung |
| Morphemtyp | Prä | St | Suf |
| Nukleusprobe |
|
|
|
| Segmente | Be | schrän | kung |
| Regeltyp | PSR | EKR |
| Wort | beschreibst | ||
| Morphemfolge | be | schreib | st |
| Morphemtyp | Präfix | St | Suffix |
| Nukleusprobe | - | schreibst | |
| Segmente | be | schreibst | |
| Regeltyp | PSR |
| Wort | Verwaltungsratsmitglieder | ||||||||
| Morphemfolge | Ver | walt | ung | s | rat | s | mit | glied | er |
| Morphemtyp | Präfix | St | Suf | FM | St | FM | Prä | St | Suf |
| Nukleusprobe | - |
|
ungs | rats |
|
|
|
||
| Segmente | Ver | wal | tungs | rats | mit | glie | der | ||
| Regeltyp | PSR | EKR | PSR | PSR | PSR | EKR |