Silbentrennung
Rüdiger Weingarten: Orthographie des Deutschen

Amtliches Regelwerk
1. Links vom Stamm einer Konstituente
2. Stammintern und rechts vom Stamm einer Konstituente
Systemexterne Kriterien
Musteranalysen

Vorbemerkung
Die sog. Silbentrennung scheint ein relativ einfacher Bereich der Orthographie zu sein.
Kontrovers ist zunächst die Bezeichnung dieses Gebietes . Neben der Bezeichnung Silbentrennung (Nennung der Trennungssegmente) findet man die Bezeichnung Worttrennung am Zeilenende (Nennung des Anwendungsbereiches der Trennung). Wir bleiben hier bei der häufiger verwendeten Bezeichnung Silbentrennung, auch wenn sich zeigen wird, dass sie in einem zentralen Punkt missverständlich ist.


Das amtliche Regelwerk
Das amtliche Regelwerk umfasst im Kern zwei Regeln für die Silbentrennung. Die Paragraphen 109-112 enthalten einige Detailregelungen.
 
§ 107  "Geschriebene Wörter trennt man am Zeilenende so, wie sie sich bei langsamem Sprechen in Silben zerlegen lassen." 
§ 108  "Steht in einfachen Wörtern zwischen Vokalbuchstaben ein einzelner Konsonantenbuchstabe, so kommt er bei der Trennung auf die neue Zeile. Stehen mehrere Konsonantbuchstaben dazwischen, so kommt nur der letzte auf die neue Zeile."

Mit diesen Regeln werden sicherlich die meisten Fälle gut erfasst. Im Detail entstehen jedoch zahlreiche Probleme, die einerseits damit zusammenhängen,

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass dem silbischen Prinzip ein morphemisches Prinzip vorgeordnet ist: Es ist zunächst zu klären, wo relativ zum Stammmorphem zwei ggfs. zu trennende Silben liegen.


1. Links vom Stamm einer Konstituente
In diesem Bereich dominiert das morphemische Prinzip das silbische.

1a. Präfix + Stamm

be-klagen vs. *bek-lagen, ge-troffen vs. *get-roffen
Allein aufgrund lautlicher Informationen kann zwischen den beiden Alternativen nicht entschieden werden; aufgrund des sog. "Einkonsonantenprinzips" müsste *bek-lagen und *get-roffen der Vorzug gegeben werden. Da dies nicht der Fall ist, kann gefolgert werden, dass hier eine übergeordnete morphologische Regel gilt.

1b. Präfix + Präfix

ver-unstalten vs. *ve-runstalten
Man könnte sich hier natürlich auch auf die phonologische Form beziehen und dort feststellen, dass das zweite Morphem dort mit einem Glottisverschluss beginnt und daher die Bedingung eines konsonantischen Anfangsrandes erfüllt.

1.c Stamm + Stamm

Hier entsteht im Deutschen - zumindest in der Explizitlautung (phonologische Wortform) immer auch eine Silbengrenze:

Hand-schuh, Ast-gabel, Lauf-treff, Kraft-rad, Haupt-teil, Schiffs-rumpf
An Lau f-treff wird auch deutlich, dass sich die silbische Segmentierung erst unter Heranziehung morphologischen Wissens ergibt, sie also nicht nach einer rein lautlichen Analyse erfolgt: Die Lautgruppe /ftr / wird in Kraft-r ad anders getrennt. An Haupt-teil wird deutlich, dass der Bezug die graphemische Wortform ist. In der phonologischen Wortform gibt es in der Mitte nur ein /t/, so dass kein phonologischer Hinweis auf die Silbengrenze vorliegt. An Schiffs-rumpf wird deutllich, dass das Furgenmorphem nicht von dem jeweils vorangehenden Stamm abgetrennt wird.

Prinzip der Erhaltung des Anfangsrandes von Stämmen und Präfixen
Bei der Silbentrennung bleiben Anfangsränder von Präfixen und Stämmen immer erhalten:
(technisch formuliert: Die Anfangsränder von unmittelbaren Konsituenten eines Wortes bleiben erhalten.)

Psycholinguistische Erklärung: Wörter werden in unserem rechtsläufigen Schriftsysten beim Lesen von links nach rechts verarbeitet. (Das betrifft nicht unbedingt die visuelle Wahrnehmung - etwa wenn ein Wort nur mit einer Fixation erfasst wird -, wohl aber seine kognitive Verarbeitung.) Aufgrund dieser Verarbeitungsrichtung ist generell die linke Seite von schriftsprachlichen Einheiten sensibler als die rechte. Insbesondere hier muss sichergestellt sein, dass die Konstituenten eines Wortes visuell unverletzt bleiben. Rechts vom Stamm werden solche Verletzungen der visuellen Einheitlichkeit von Morphemen zugunsten des silbischen Prinzips in Kauf genommen: Lei-tung.

2. Stammintern und rechts vom Stamm einer Konstituente
In diesem Bereich dominiert das silbische Prinzip das morphemische.

2a. Stammintern
Hier können morphemische Kriterien keine Rolle spielen, da es sich um einen submorphemischen Bereich handelt. In dieser Gruppe mehrsilbiger Stämme findet man besonders viele Fremdwörter.

Steu-er, Ana-nas, Pa-pa-gei, na-iv, Eu-ro-pa
2b. Stamm + Suffix (Flexions- oder Derivationsmorphem)
Suffixanfänge bzw. Stammenden dürfen verletzt werden. Das gilt insbesondere für vokalisch anlautende Suffixe:
he-ben, lau-fen, wie-gen, Lei-tung
Bei der stamminternen Trennung und der Trennung rechts vom Stamm tauchen zahlreiche Probleme auf, die damit zusammenhängen, dass eine eindeutige Silbensegmentierung vielfach nicht möglich ist. Zunächst zu den klaren Fällen:
(X = beliebiger Buchstabe, Wortanfang oder Wortende)
XV-VX: Bau-er, na-iv
(vs. Sai-te. Hier ist ein Rekurs auf phonologisches Wissen erforderlich: Handelt es sich um einen Diphthong oder zwei Silbenkerne)
In den folgenden Fällen gilt die "Einkonsonantenregel ":

Systemexterne Kriterien
Ökonomische Erwägungen
Einzelbuchtaben werden nicht abgetrennt, da sie im Umfang dem Trennungsstrich entsprechen. Vermeidung von Lesefehlern, die wegen der Nichtverschriftung des Glottisverschlusses auftreten können
*Altbauer-haltung, *Sprecher-ziehung, *Seeu-fer, *Anal-phabet, *Urin-stinkt
Etymologische Kriterien
Erlaubt sind einige alternative Trennungen, die aufgrund morphologischer Kriterien zum o.g. Typ 1 gehören, bei denen aber In diesen Fällen ist es freigestellt, ob man nach Typ 1 (also morphologisch) oder Typ 2 ("Einkonsonantenregel") verfährt. 
Musteranalysen

Terminologie:
Abkürzung
(Halb-)Präfix Prä ver-laufen
Stamm St ver-lauf-en
Suffix Suf verlauf-en
Fugenmorphem FM Rat-s-herr
Einkonsonantenregel EKR Für alle Trennungssegmente einer Stammkonstituente links vom ersten Segment des Stammes gilt: Ein Trennungssegment beginnt mit genau einem Konsonantbuchstaben (Ausnahmen!).
(Unter einer Stammkonstituente wird ein Stamm mit seinen zugehörigen Präfixen und Suffixen verstanden. Beispiel: Versichersungsvertrag hat die Stammkonstituenten Versicherungs- und vertrag.)
Präfix-Stamm-Regel PSR Der linke Rand von Stämmen und Präfixen bleibt bei der Trennung erhalten.
(Hieraus ergibt sich auch, dass für das erste Segment eines Wortes keine eigene Regelanwendung erforderlich ist. Seine Struktur ergibt sich aus den nachfolgenden Trennungsbedingung, also der Anwendung der PSR oder der EKR.)


Arbeitsschritte:
Wort Xxxxxxxxxxxxxx
Morphemfolge Zerlege das Wort in seine Morphemfolge.
Morphemtyp Kennzeichne die einzelnen Morpheme als Präfix, Stamm, Suffix oder Fugenmorphem.
Nukleusprobe Wenn ein Morphem (Suffix oder Fugenmorphem) keinen vokalischen Kern enthält, verbinde es mit dem vorangehenden Morphem.
Segmente Liste die endgültigen Trennungssegmente auf.
Regeltyp Gib die dabei angewandte Regel an (EKR oder PSR)


Wort Donau
Morphemfolge Donau
Morphemtyp Stamm
Nukleusprobe
-
Segmente Do nau
Regeltyp EKR

 
Wort Beschränkung
Morphemfolge Be schränk ung
Morphemtyp Prä St Suf
Nukleusprobe
-
-
-
Segmente Be schrän kung
Regeltyp PSR EKR

 
Wort beschreibst
Morphemfolge be schreib st
Morphemtyp Präfix St Suffix
Nukleusprobe - schreibst
Segmente be schreibst
Regeltyp PSR

 
Wort Verwaltungsratsmitglieder
Morphemfolge Ver walt  ung s rat s mit glied er
Morphemtyp Präfix St Suf FM St FM Prä St Suf
Nukleusprobe -
-
ungs rats
-
-
-
Segmente Ver wal tungs rats mit glie der
Regeltyp PSR EKR PSR PSR PSR EKR