Oculomotorik - Augenbewegungen beim Lesen
Die Informationsaufnahme beim Lesen erfolgt - außer bei der Verarbeitung der Blindenschrift - durch das Auge; hier liegt der erste Verarbeitungsschritt. Nicht nur aus diesem Grund ist ist es zum Verständnis des Lesens wichtig, sondern auch, weil die Augenbewegungsmuster beim Lesen wichtige Hinweise auf die - nicht unmittelbar beobachtbaren - kognitiven Prozesse geben.

Das Auge

Quelle: http://webvision.med.utah.edu/imageswv/Sagschem.jpeg
 
Retina Netzhaut
Choroid Aderhaut
Sclera Lederhaut
Cornea Hornhaut
Pupil Pupille
Lens Linse
Iris Iris
Ciliary body Ziliarkörper (zur Anpassung der Linse)
Optic nerve Sehnerv

Visuelle Information fällt auf die Retina. Diese wird in unterschiedliche Bereiche eingeteilt; im Fokus steht die Fovea. Hier entsteht in einem Feld von bis zu 1-2 Grad Abweichung von dem Fokus das schärfste visuelle Bild. Darüber hinaus, bis zu 5 Grad Abweichung, liegt die Parafovea mit einem unschärferen Bild. Die übrigen Bereiche werden zur Peripherie gerechnet.
 
In the center of the retina is the optic nerve, a circular to oval white area measuring about 2 x 1.5 mm across. From the center of the optic nerve radiate the major blood vessels of the retina. Approximately 17 degrees (4.5-5 mm), or two and half disc diameters to the left of the disc, can be seen the slightly oval-shaped, blood vessel-free reddish spot, the fovea, which is at the center of the area known as the macula by ophthalmologists.
Quelle: http://webvision.med.utah.edu/imageswv/huretina.jpeg

Die Informationsaufnahme beim Lesen erfolgt durch einen strukturierten Prozess, mit dem die Augen den Text "abtasten". Dabei gelangen unterschiedliche Textabschnitte in den fovealen Bereich. In rechtsläufigen Schriftsystemen sozialisietre Personen nehmen nach rechts im parafovealen Bereich mehr schriftzeichen wahr als links; in linksläufigen (arabisch, hebräisch) Schriftsystemen ist es genau umgekehrt.

Einen kleinen Film - from the iris to the retina (546 K quicktime movie) - kann man sich hier ansehen.

Grundstruktur der Augenbewegungen
Mit den Augenbewegungen sollen Objekte in der Fovea gehalten werden oder in den fovealen Bereich gebracht werden. Dafür sorgen sechs äußere Augenmuskeln für jedes Auge. Augenbewegungen bestehen bei der visuellen Wahrnehmung generell und somit auch beim Lesen aus einem zweigeteilten motorischen Prozess:
den Fixationen - hier ruhen die Augen mehr oder weniger auf einem Punkt - und
den Saccaden - hier "springen" die Augen von einem Fixationspunkt zum nächsten.

Beim Lesen ist es außerdem sinnvoll, Regressionen zu unterscheiden: rückwärtsgerichtete Saccaden zu einer früheren Textstelle.

Beispiel:
(Die Dreiecke geben die Fixationen an, die Zahl die Länge der Fixation in Millisekunden und die Spitze des Dreiecks zeigt auf den Abschnitt des Textes, der im fovealen Bereich stand.) (Die Grafik wurde entwickelt aus Daten von Günther 1989: 108f.)




Die Dreiecke geben die Fixationen an, die Zahl die Länge der Fixation in Millisekunden und die Spitze des Dreiecks zeigt auf den Abschnitt des Textes, der im fovealen Bereich stand. Die Pfeile nach rechts stehen für die Saccaden, die Pfeile nach links für die Regressionen. In diesem Beispiel haben die Fixationen eine Länge von 80 bis 300 Millisekunden.

Prozesse innerhalb einer Fixation:
Aus: Michael I. Posner, Yalchin G. Abdullaev, Bruce D. McCandliss, and Sara C. Sereno: Anatomy, Circuitry And Plasticity Of Word Reading.
Quelle: http://www.neuro.uoregon.edu/faculty/posner.html
Faktoren, die die Augenbewegungen beeinflussen
Augenbewegungen bei unterschiedlichen Lesefähigkeiten
Unterschiedliche Lesefähigkeiten schlagen sich in den Augenbewegungsmustern nieder: Kompetente Leser benötigen bei demselben Text weniger und kürzere Fixationen und weniger Regressionen als weniger kompetente Leser oder gar als Dyslektiker.

Gute Leser:

(Aus: Just & Carpenter 1987: 27)

Dyslektiker
Die erworbene Dyslexie ist eine erhebliche Leseschwäche als Folge von Hirnschädigungen etwa durch einen Schlaganfall (im Unterschied zur Alexie, mit der man einen vollständigen Ausfall der Lesefähigkeit bezeichnet.) Hier findet man ein weitgehend gestörtes Augenbewegungsmuster, das sich in einem teilweise erhebliche Abweichungen von einem normalen Verlauf von Fixationen und Saccaden zeigt:

(Aus: Just & Carpenter 1987: 375)


Augenbewegungen im Schriftspracherwerb
Im normalen Schriftspracherwerb nehmen die Dauer der Fixationen, Ihre Anzahl und die Anzahl der Regressionen kontinuierlich ab.


Die Untersuchung von Augenbewegungen
Augenbewegungen (eye tracking) können mit speziellen Augenbewegungskameras (eye tracking) untersucht werden. Damit lassen sich Augenbewegungen mit einer zeitlichen Auflösung von 250 Hz und einer räumlichen Auflösung von 0,5-1 Grad registrieren.


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