Aspekte der linguistischen Pragmatik
1. Sprechakttheorie
Typologie von Sprechakten Einzelne Typen von Sprechakten werden über Glückensbedingungen definiert. Probe: Was passiert, wenn eine Bedingung verletzt wird?
Es wird angenommen, daß es konventionelle Verfahren, evtl. in Abhängigkeit von Situationen und Institutionen, zur Verbindung zwischen Äußerungen und Intentionen bzw. realisierten Sprechakten gibt.

Beispiel: Glückensbedingungen für "versprechen"

1. Der Sprecher sagt, er wird eine Handlung vollziehen.
2. Er beabsichtigt, dies zu tun.
3. Er glaubt, er kann es tun.
4. Er denkt, er würde dies normalerweise nicht tun.
5. Er denkt, der Adressat wünscht, daß er es tut.
6. Er beabsichtigt, sich durch die Äußerung zu verpflichten, die Handlung zu tun.
Beispiel: Glückensbedingungen für "bitten" 1. Der Sprecher sagt, daß der Hörer eine Handlung A tun soll.
2. Der Sprecher wünscht, daß der Hörer A tut.
3. Der Sprecher glaubt, daß der Hörer A tun kann.
  1. Der Sprecher geht nicht davon aus, daß der Hörer A ohnehin tun würde.
Jeder Sprechakt setzt sich aus mehreren Teilakten zusammen: 1. Der Äußerungsakt: die Lokution
2. Der propositionale Akt (die Formulierung eines Inhaltes): die Proposition
A behauptet, daß B kommt. (B = Argument, kommt = Prädikat)
3. Der illokutive Akt (Typ der Handlung, Absicht, kommunikative Funktion)
4. Der perlokutionäre Effekt (die intendierte Wirkung eines Sprechaktes)
Beispiel:
Erschieß ihn! Illokution: Befehl Perlokution: überreden, erschrecken, ängstigen
Test: Wenn sich eine eine Äußerung in einem Satz mit hiermit paraphrasieren läßt, so läßt sich dadurch die Illokution ausdrücken.
Lit.: Austin, J.L. 1972 (Orig. 1962). Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart. //Searle, J.R. 1971 (Orig. 1969). Sprechakte. Frankfurt/M.: Suhrkamp.


2. Konversationelle Maximen
Im Falle indirekter Sprechakte folgen wir bestimmten Prinzipien, die es uns erlauben, auf die Intention des Sprechers zu schließen. Wir gehen davon aus, daß der Sprecher ebenfalls diesen Prinzipien folgt. Beispiel: A: Wo ist Peter?
B: Vor Susis Haus ist ein gelber VW.
Nur unter Zugrundlegung bestimmter Prinzipien können wir die Äußerung von B als kohärent zu der Frage von A interpretieren.

1. Kooperativitätsprinzip
Formuliere deinen Beitrag so, wie er verlangt wird, an dem Platz, an den er gehört, entsprechend der akzeptierten Absicht oder Richtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst! Beispiel: A geht davon aus, daß B diesem Prinzip folgt und er nach einer passenden Interpretation der Äußerung von B suchen muß.

2. Maxime der Qualität
Versuche deinen Beitag so zu machen, daß er wahr ist, insbesondere:

a. Sage nichts, von dem du glaubst, daß es falsch ist!
b. Sage nichts, wofür die angemessene Evidenz fehlt!
Offensichtliche Verletzung: Ironie, Metapher, rhetorische Frage, offensichtliche Falschheit: Beispiel: S: Teheran ist in der Türkei, Herr Lehrer.
L: Ach, und Bonn ist in Armenien.
3. Maxime der Quantität
a. Mache deinen Beitrag so informativ, wie es für den gegenwärtigen Zweck erforderlich ist!
b. Mache deinen Beitrag nicht informativer, als es erforderlich ist! Beispiel: Peter hat 3 Kinder. Dieser Satz wäre auch dann wahr, wenn Peter 5 Kinder hat. Wir schließen normalerweise aber daraus, daß er genau drei Kinder hat.
Offensichtliche Verletzung: Tautologien
Beispiel: Krieg ist Krieg. Er kommt oder er kommt nicht. Wenn er es macht, dann macht er es.
4. Maxime der Relevanz
Mache deinen Beitrag relevant! Beispiel: A: Kannst Du mir sagen, wie spät es ist?
B: Ja, der Milchmann war gerade da.
Offensichtliche Verletzung: A: Findest Du auch, daß Frau Müller eine Schlampe ist!
B: Hm, es ist recht kühl hier.
5. Maxime der Art und Weise
Sei klar und deutlich! Insbesondere:
a. Vermeide Unverständlichkeit!
b: Vermeide Ambiguität!
c: Sprich kurz! (Immer dann, wenn man einen komplexeren Ausdruck einem einfacheren vorzieht, wird angenommen, daß dies bedeutungsvoll ist.) Beispiel: (In einem Bericht über eine Opernaufführung)
1. Frau Weidinger sang eine Arie aus Margarethe,
2. Frau Weidinger produzierte eine Reihe von Tönen, die dem Notentext einer Arie aus Margarethe nahekamen.
d. Sprich geordnet!
Entsteht für einen Gesprächsteilnehmer zunächst der Anschein, eine konversationelle Maxime würde verletzt, so wird doch die Annahme ihrer Gültigkeit nicht verworfen, sondern nach anderen Interpretationen gesucht, die ihre Gültigkeit ermöglichen. Entsprechende Folgerungen nennt man Konversationelle Implikaturen.

Lit.:
H.P. Grice. 1975. Logic and conversation. In: Cole, P./Morgan, J.L., (eds.), Syntax and Semantics 3: Speech Acts. New York: Academic Press. 183-198.
Gordon, D./Lakoff, G. 1975. Conversational postulates. In: Cole, P./Morgan, J.L., (eds.), Syntax and Semantics 3: Speech Acts. New York: Academic Press. 83-106.


3. Präsuppositionen

Präsuppositionen bilden eine spezielle Art pragmatischer Inferenzen.

Ein Satz A präsupponiert einen Satz B g.d.w. (a) in allen Situationen, in denen A wahr ist, auch B wahr ist;
(b) in allen Situationen, in denen A falsch ist, ist B wahr.
Verfahren: Negiere einen Satz; alle Informationen, die "überleben", d.h. wahr bleiben, sind Präsuppositionen. Beispiel 1: Hans schaffte es, rechtzeitig anzuhalten.
1> Hans hielt rechtzeitig an.
2> Hans versuchte, rechtzeitig anzuhalten.
Nur 2 ist auch bei der Negation wahr, also eine Präsupposition. D.h., zahlreiche Inferenzen werden durch Negation gändert, eine bestimmte Klasse - die Präsuppositionen - aber nicht.
Beispiel 2: Hans, der ein guter Freund von mir ist, bedauert, daß er mit Linguistik aufhörte, bevor er Bielefeld verließ. Präsuppositionen: 1> Es gibt eine für Sprecher und Adressat identifizierbare Person namens Hans.
2> Hans ist ein guter Freund des Sprechers.
3> Hans hörte mit Linguistik auf, bevor er Bielefeld verließ.
4> Hans betrieb Linguistik, bevor er Bielefeld verließ.
  1. Hans verließ Bielefeld.
Den einzelnen Präsuppositionen zugrundeliegende Regeln:
1: Regeln für den Gebrauch von Eigennamen.
2: Der Relativsatz wird nicht von der Negation des Hauptsatzes beeinflußt.
3: Semantik von bedauern (faktitive Verben)
4: Semantik von aufhören: impliziert die beendete Aktivität.
5: Temporalsätze werden nicht von der Negation des Hauptsatzes berührt.
Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen Ursachen: Es handelt sich jeweils um Hintergrundannahmen. Gestaltpsychologisch (Figur-Grund): Die Figur kann variieren, der Grund bleibt konstant. vgl. Levinson 181f.