Aspekte
der linguistischen Pragmatik
1. Sprechakttheorie
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Nicht einzelne Sätze oder Wörter
gelten als die Grundelemente menschlicher Kommunikation, sondern sprachliche
Handlungen bzw. Sprechakte.
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Damit ergibt sich das Problem das Zusammenhanges
zwischen Satzstruktur, Inhalt und Absicht einer Äußerung.
Oder:
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Wie kommt man von der Satzstruktur auf
die Absicht - die Intention - des Sprechers? Satzbedeutung- Äußerungsbedeutung
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In der Sprechakttheorie von John Searle
wird die Satzbedeutung als propositionaler Gehalt/Proposition bezeichnet:
A verspricht, daß er kommt.
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Die mit der Äußerung verbundene
kommunikative Funktion heißt Illokution: A verspricht,
daß er kommt.
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Sprachliche Handlungen, aus denen die
Absicht des Sprechers nicht unmittelbar hervorgeht, heißen indirekte
Sprechakte: Das Fenster ist auf. (Mach das Fenster zu.)
Typologie von Sprechakten
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Repräsentative:Der Sprecher
legt sich auf die Wahrheit der ausgedrückten Proposition fest.
Behauptung, Schlußfolgerung,
Feststellung
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Direktive: Der Sprecher versucht,
den Hörer zu einer bestimmten Handlung zu bringen.
Bitte, Frage, Befehl, Aufforderung
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Kommissive: Der Sprecher verpflichtet
sich zu einer bestimmten Folgehandlung.
Versprechen, Drohung, Angebot,
Ankündigung
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Expressive: Der Sprecher drückt
einen psychischen Zustand aus.
Danken, Entschuldigung, Beglückwünschen,
Kondolieren
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Deklarative: In Verbindung mit
gesellschaftlichen Institutionen werden unmittelbar (durch den Vollzug
der Deklaration) soziale Verhältnisse geändert.
Exkommunizierung, Kriegserklärung,
Taufe, Heirat, Scheidung, Kündigung, Absolution, Verurteilung
Einzelne Typen von Sprechakten werden
über Glückensbedingungen definiert. Probe: Was passiert,
wenn eine Bedingung verletzt wird?
Es wird angenommen, daß es konventionelle
Verfahren, evtl. in Abhängigkeit von Situationen und Institutionen,
zur Verbindung zwischen Äußerungen und Intentionen bzw. realisierten
Sprechakten gibt.
Beispiel: Glückensbedingungen
für "versprechen"
1. Der Sprecher sagt, er wird eine
Handlung vollziehen.
2. Er beabsichtigt, dies zu tun.
3. Er glaubt, er kann es tun.
4. Er denkt, er würde dies normalerweise
nicht tun.
5. Er denkt, der Adressat wünscht,
daß er es tut.
6. Er beabsichtigt, sich durch die
Äußerung zu verpflichten, die Handlung zu tun.
Beispiel: Glückensbedingungen
für "bitten"
1. Der Sprecher sagt, daß der
Hörer eine Handlung A tun soll.
2. Der Sprecher wünscht, daß
der Hörer A tut.
3. Der Sprecher glaubt, daß
der Hörer A tun kann.
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Der Sprecher geht nicht davon aus, daß
der Hörer A ohnehin tun würde.
Jeder Sprechakt setzt sich aus mehreren
Teilakten zusammen:
1. Der Äußerungsakt: die
Lokution
2. Der propositionale Akt (die Formulierung
eines Inhaltes): die Proposition
A behauptet, daß B kommt.
(B = Argument, kommt = Prädikat)
3. Der illokutive Akt (Typ
der Handlung, Absicht, kommunikative Funktion)
4. Der perlokutionäre Effekt
(die intendierte Wirkung eines Sprechaktes)
Beispiel:
Erschieß ihn!
Illokution: Befehl Perlokution: überreden, erschrecken, ängstigen
Test: Wenn sich eine eine Äußerung
in einem Satz mit hiermit paraphrasieren läßt, so läßt
sich dadurch die Illokution ausdrücken.
Lit.: Austin, J.L. 1972 (Orig. 1962).
Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart. //Searle, J.R. 1971 (Orig. 1969).
Sprechakte. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
2. Konversationelle
Maximen
Im Falle indirekter Sprechakte folgen
wir bestimmten Prinzipien, die es uns erlauben, auf die Intention des Sprechers
zu schließen. Wir gehen davon aus, daß der Sprecher ebenfalls
diesen Prinzipien folgt.
Beispiel: A: Wo ist Peter?
B: Vor Susis Haus ist ein gelber
VW.
Nur unter Zugrundlegung bestimmter Prinzipien
können wir die Äußerung von B als kohärent zu der
Frage von A interpretieren.
1. Kooperativitätsprinzip
Formuliere deinen Beitrag so, wie
er verlangt wird, an dem Platz, an den er gehört, entsprechend der
akzeptierten Absicht oder Richtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst!
Beispiel: A geht davon aus, daß B diesem Prinzip folgt und er nach
einer passenden Interpretation der Äußerung von B suchen muß.
2. Maxime der Qualität
Versuche deinen Beitag so zu machen,
daß er wahr ist, insbesondere:
a. Sage nichts, von dem du glaubst,
daß es falsch ist!
b. Sage nichts, wofür die angemessene
Evidenz fehlt!
Offensichtliche Verletzung: Ironie, Metapher,
rhetorische Frage, offensichtliche Falschheit:
Beispiel: S: Teheran ist in der
Türkei, Herr Lehrer.
L: Ach, und Bonn ist in Armenien.
3. Maxime der Quantität
a. Mache deinen Beitrag so informativ,
wie es für den gegenwärtigen Zweck erforderlich ist!
b. Mache deinen Beitrag nicht informativer,
als es erforderlich ist!
Beispiel: Peter hat 3 Kinder.
Dieser Satz wäre auch dann wahr,
wenn Peter 5 Kinder hat. Wir schließen normalerweise aber daraus,
daß er genau drei Kinder hat.
Offensichtliche Verletzung: Tautologien
Beispiel: Krieg ist Krieg.
Er kommt oder er kommt nicht. Wenn er es macht, dann macht er es.
4. Maxime der Relevanz
Mache deinen Beitrag relevant!
Beispiel: A: Kannst Du mir sagen,
wie spät es ist?
B: Ja, der Milchmann war gerade
da.
Offensichtliche Verletzung:
A: Findest Du auch, daß
Frau Müller eine Schlampe ist!
B: Hm, es ist recht kühl hier.
5. Maxime der Art und Weise
Sei klar und deutlich! Insbesondere:
a. Vermeide Unverständlichkeit!
b: Vermeide Ambiguität!
c: Sprich kurz! (Immer dann, wenn
man einen komplexeren Ausdruck einem einfacheren vorzieht, wird angenommen,
daß dies bedeutungsvoll ist.)
Beispiel: (In einem Bericht über
eine Opernaufführung)
1. Frau Weidinger sang eine Arie
aus Margarethe,
2. Frau Weidinger produzierte eine
Reihe von Tönen, die dem Notentext einer Arie aus Margarethe nahekamen.
d. Sprich geordnet!
Entsteht für einen Gesprächsteilnehmer
zunächst der Anschein, eine konversationelle Maxime würde verletzt,
so wird doch die Annahme ihrer Gültigkeit nicht verworfen, sondern
nach anderen Interpretationen gesucht, die ihre Gültigkeit ermöglichen.
Entsprechende Folgerungen nennt man Konversationelle Implikaturen.
Lit.:
H.P. Grice. 1975. Logic and conversation.
In: Cole, P./Morgan, J.L., (eds.), Syntax and Semantics 3: Speech Acts.
New York: Academic Press. 183-198.
Gordon, D./Lakoff, G. 1975. Conversational
postulates. In: Cole, P./Morgan, J.L., (eds.), Syntax and Semantics 3:
Speech Acts. New York: Academic Press. 83-106.
3. Präsuppositionen
Präsuppositionen bilden eine spezielle
Art pragmatischer Inferenzen.
Ein Satz A präsupponiert einen
Satz B g.d.w.
(a) in allen Situationen, in denen
A wahr ist, auch B wahr ist;
(b) in allen Situationen, in denen
A falsch ist, ist B wahr.
Verfahren:
Negiere einen Satz; alle Informationen,
die "überleben", d.h. wahr bleiben, sind Präsuppositionen.
Beispiel 1:
Hans schaffte es, rechtzeitig
anzuhalten.
1> Hans hielt rechtzeitig an.
2> Hans versuchte, rechtzeitig
anzuhalten.
Nur 2 ist auch bei der Negation wahr,
also eine Präsupposition. D.h., zahlreiche Inferenzen werden durch
Negation gändert, eine bestimmte Klasse - die Präsuppositionen
- aber nicht.
Beispiel 2:
Hans, der ein guter Freund von
mir ist, bedauert, daß er mit Linguistik aufhörte, bevor er
Bielefeld verließ.
Präsuppositionen:
1> Es gibt eine für Sprecher
und Adressat identifizierbare Person namens Hans.
2> Hans ist ein guter Freund des
Sprechers.
3> Hans hörte mit Linguistik
auf, bevor er Bielefeld verließ.
4> Hans betrieb Linguistik, bevor
er Bielefeld verließ.
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Hans verließ Bielefeld.
Den einzelnen Präsuppositionen zugrundeliegende
Regeln:
1: Regeln für den Gebrauch
von Eigennamen.
2: Der Relativsatz wird nicht von
der Negation des Hauptsatzes beeinflußt.
3: Semantik von bedauern (faktitive
Verben)
4: Semantik von aufhören:
impliziert die beendete Aktivität.
5: Temporalsätze werden nicht
von der Negation des Hauptsatzes berührt.
Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen
Ursachen:
Es handelt sich jeweils um Hintergrundannahmen.
Gestaltpsychologisch (Figur-Grund): Die Figur kann variieren, der Grund
bleibt konstant.
vgl. Levinson 181f.